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  • Tobias Schlosser

Schattenseiten zeitlicher Effizienz

Aktualisiert: 13. Jan. 2023


Ich habe nur zwei Tage pro Examensprüfung gelernt und trotzdem überall eine eins geschrieben. Gut, oder?!

Naja, geht so...

Oder wie beurteilen Sie vergangene Klausuren, die prädestiniert für kurzfristiges "Bulimielernen" waren? Effizient war es sicherlich, aber was ist von den Inhalten nachhaltig geblieben? Wenn Sie richtig schlechte Laune bekommen möchten, rechnen Sie einmal nach, wie viel Ihrer Lebenszeit Sie damit verbracht haben, sich Informationen in ihr Kurzzeitgedächtnis zu prügeln, die schon kurz nach der Prüfung wieder weg waren 😉


Ein weiteres Beispiel:


Wofür würden Sie sich entscheiden, wenn Sie müssten?

Eine Not-Operation oder einen notwendigen, geplanten und gut vorbereiteten Eingriff, um diesen Notfall zu vermeiden? Obgleich es auf den ersten Blick zumindest zeitlich effizienter erscheint, eine schnelle Not-OP durchzuführen als vor einem geplanten Eingriff etliche Stunden für Untersuchungen und Vorbereitungen aufzuwenden, ist die Antwort für die allermeisten Menschen hier eindeutig: Wir wissen intuitiv, dass es wahrscheinlich besser ist, wenn ein Herzchirurgy[1] in Ruhe arbeitet und ein Fundament aus verschiedenen Vorabanalysen unserer Konstitution hat.


„Ich will alles! Und zwar flott!“


In anderen Gebieten sind wir uns nicht ganz so sicher.

Warum keine Crash-Diät, wenn es so doch erstmal schneller geht? Wir wissen, dass der Jojo-Effekt zwangsläufig kommen muss, wenn wir die radikale Diät nicht dauerhaft beibehalten. Dennoch soll sich der Erfolg am liebsten sofort einstellen.

Wir beginnen mit Begeisterung neue Hobbies, brechen diese jedoch nach wenigen Stunden ab, wenn uns die Lernkurve nicht als steil genug erscheint und der Weg zum Erfolg steiniger ist als gedacht.


Haben Sie auch die Tendenz, etwas lieber einmal geballt zu üben als kontinuierlich jeden Tag? Trösten Sie sich - Sie sind nicht allein.


Stress, Stress, Stress


Schwierig wird es dann, wenn wir nicht nur zeitlich effizient sein, sondern gleichzeitig den Anspruch haben, ausnahmslos rundum perfekte Resultate zu liefern.


Das Unbewusstsein weiß, dass wir unter Zeitdruck nicht dieselben Ergebnisse bringen können, die mit etwas mehr Ruhe möglich wären. Das ständige Verdrängen dieses Gedankens, sowie die Verschiebung der Auseinandersetzung mit den Wurzeln des Problems kostet Kraft und erzeugt Stress.

Und selbst diesen möchten wir am liebsten zeitlich effizient bearbeiten: Achtsamkeit, Autogenes Training, Persönlichkeitsentwicklung – klar, aber bitte mit möglichst schnellen Resultaten.

Nun dauert es allerdings je nach Persönlichkeit 18 – 254 Tage, bis eine neue Gewohnheit verinnerlicht ist. Daneben gibt es die Faustregel mit den berühmten ca. 10.000 Stunden +/-, welche man sich ernsthaft mit einer Sache beschäftigen muss, um diese professionell zu beherrschen.


Kurz: Nachhaltig gute Ergebnisse können gar nicht in kurzer Zeit entstehen, wenn es um die persönliche Weiterentwicklung geht.



Antrainiertes Aufschiebeverhalten


Aus dem Nähkästchen: Das Leistungsprinzip unter (künstlich erzeugtem) Zeitdruck ist auch mir alles andere als fremd. Im Kindesalter ging alles unglaublich leicht. Ich habe mich selten besonders anstrengen müssen, um in den mir wichtigen Bereichen der beste zu sein. Fatalerweise hatte ich mir jedoch durch den leicht zu erlangende Applaus antrainiert, in so kurzer Zeit wie möglich ziemlich gute Ergebnisse zu bekommen.


Spätestens im Studium wurde dieser fatale Hang zur daraus folgenden Prokrastination so groß, dass ich meine Bachelorarbeit in einer Woche schrieb, kurz vor Ladenschluss noch in den einzig offenen Copyshop stürmte, um die Arbeit binden zu lassen und gerade noch rechtzeitig das „Werk“ zum Prüfungsbüro brachte, ohne einmal richtig drübergelesen zu haben. Die wohlwollende Note 2 fühlte sich alles andere als verdient an und gleichzeitig ärgerte ich mich tierisch, denn eigentlich fand ich mein Thema durchaus spannend.


Heiliger Gral vs Kontinuität

Auf meinem weiteren Weg setzte sich das Muster in anderer Art und Weise fort: Von der Chorleitung kommend, begeisterte ich mich im Studium immer mehr für die Gesangspädagogik selbst, wobei ich ständig auf der Suche nach dem heiligen Gral des Singens war und teilweise noch bin. Tausende Euro, die ich in Fortbildungen gesteckt habe, konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass ich zwar irgendwann zu einem wandelnden Lexikon für gesangspädagogische Methodik mutierte, aber die eigene Stimme eher auf der Strecke blieb. Ein kontinuierliches Üben unter dem Einfluss ständig neuer, sich teilweise widersprechender Impulse war kaum möglich.


Veränderung durch Erfahrung


So machte es mich schier wahnsinnig, als ich zu meiner Ausbildung an der Atem-, Sprech- und Stimmlehrer – Schule Schlaffhorst-Andersen antrat und das erste Jahr zum größten Teil aus Selbsterfahrung und Eigenwahrnehmung bestand, zunächst ohne, dass viel dazu erklärt wurde. Natürlich konnte ich direkt am Anfang schon Bewegungen ausführen und /ffff/ dazu sagen – Dass aber erst die ständige Wiederholung der scheinbar einfachen Übungen die physiologischen Muster der Aufrichtung und Atmung tief in mir verankerte und neue Gewohnheiten schaffte, die mir ganz unbewusst manchmal sogar eine andere Körpersprache gaben, wurde mir erst später klar, als mir Menschen bescheinigten, „irgendwie gefestigter“ zu sein als früher.


Folgen von Perfektionsgedanken und Stress


Dennoch war für mich anschließend die Arbeit als Logopäde eher quälend - Fortschritte erreicht man hier nur sehr kleinschrittig und mit viiiel Geduld - und ich suchte auch hier wieder nach Abkürzungen zum Erfolg, einhergehend mit dem Gedanken: „Was, wenn die Patientys mich nicht für gut genug halten, weil es länger dauert?!“. Nun bleibt ständiger Stress, perfekt sein zu wollen, ohne überhaupt eine zeitliche Chance dazu zu haben, nicht ohne Folgen. Eine Erschöpfungsdepression schlug hart ein, bis ich mich dazu entschied, meiner Leidenschaft zu folgen und mich mit all meinen jetzigen Tätigkeiten selbstständig zu machen. Im Nachhinein kann ich gar nicht sagen, an welchem Punkt ich realisiert habe, dass einige Dinge eben die Zeit brauchen, die sie brauchen und Perfektion kein gesundes Ziel ist, schon gar nicht im Zusammenspiel mit zeitlicher Effizienz.


Nachhaltig gute Leistungen brauchen Raum zur Entfaltung.


Die Umsetzung einer neuen Arbeitsweise fällt schwer, insbesondere, wenn man sich über Jahrzehnte ein anderes Muster antrainiert hat. Es bleibt jedoch die Erkenntnis, dass nachhaltige, tiefgreifende Veränderung und Entwicklungsprozesse nur dann möglich sind, wenn man sich ohne schlechtes Gewissen die Zeit dafür nimmt, die diese brauchen.


Die Forderung nach Effizienz mag situativ eine gute Sache sein - gelassen geduldige Kontinuität sowie Prozess- statt Zielorientierung sehe ich mittlerweile jedoch als wichtigere Parameter auf dem Weg zum Erfolg.


Das Risiko zu Scheitern akzeptieren

Es gehört Mut dazu, sich die Möglichkeit des richtigen Scheiterns einzuräumen, welche mit bewusster Zeitnahme für Entwicklungsprozesse und Aufgaben zwangsläufig einhergeht. Damit ist die Art des Scheiterns gemeint, bei der ich später nicht die Ausrede habe: „Naja, für die kurze Zeit war das Ergebnis doch OK.“ - siehe oben.


Die Entscheidung, volles Commitment in eine Aufgabe zu stecken ist nichts für Feiglinge, andererseits gibt es so auch am meisten zu gewinnen.


Es ist keine Kunst, sich zu feiern, weil man trotz künstlicher Zeitverknappung noch akzeptabel abschneidet. Ich empfinde es als eine viel größere Herausforderung, sich genug effektiv genutzte Zeit zu nehmen und trotzdem zu scheitern, weil dieses Scheitern mit dem Eingeständnis einhergeht, dass man selbst etwas verändern muss.

Und das ist der schmerzhafte Punkt, an dem echte Weiterentwicklung beginnt.


Bedeutung der Kontinuität für die Stimmarbeit


Manchmal kommen Menschen mit dem Wunsch zu mir, in kurzer Zeit einige „Tipps und Tricks“ zu bekommen und anschließend ein perfektes Instrument zu haben. Selbstverständlich kann ich jeder Person einen „Werkzeugkoffer" an Atem-, Sprech- und Stimmtechnik und Übungen geben, was ich auch gern mache. Bei konkreten kleinen Problemen ist das ein durchaus gangbarer Weg, sofern die Werkzeuge in Folge auch benutzt werden. Nachhaltige Resultate sind allerdings erst dann zu erzielen, wenn ich eine Person davon überzeugen kann, dass es sinnvoll ist, die Zusammenhänge immer wieder bewusst selbst wahrzunehmen und zu erkennen; Sprich: Erlerntes Anwendungswissen zum komplexen „Netzwerk Stimmpersönlichkeit“ zu internalisieren, um auch allein weiterüben zu können, ohne sich versehentlich Stimmfehler anzutrainieren. Ich weiß idealerweise nicht nur, was im Werkzeugkoffer ist und was man damit machen kann, sondern übe so lange kleinschrittig jedes einzelne Tool zu benutzen, bis die Handgriffe in Fleisch und Blut übergegangen sind, ich nicht mehr über die Ausführung der Bewegungen nachdenken muss und mir trotzdem nicht ins Bein hacke.

Folglich rate ich von Angeboten ab, die den Hang des Menschen zum voreilig sein ausnutzen wollen. Niemand kann Ihnen durch eine einzige, besonders großartige, schnelle Intervention nachhaltige Erfolge verschaffen, welche idR. einen längeren Weg erfordern, den Sie letztendlich selbst gehen müssen. Persönliches Commitment ist für bleibende Resultate eine Grundvoraussetzung, die auch kein Zaubertrank ersetzen kann.

Das zu akzeptieren fällt schwer, keine Frage, insbesondere je älter und ungeduldiger man wird, während die Fähigkeit, etwas neues schnell zu lernen, tendenziell abnimmt. Dennoch: Persönlichkeits- und Fähigkeitsentwicklung brauchen Zeit. Der Weg ist wichtiger als das Ziel.


In diesem Sinne gebe ich Ihnen als Stimmexperte fachlich korrekte Anstöße, wie Sie Ihren Weg angehen können und begleite Sie dabei. Tragen oder gar chauffieren kann ich Sie jedoch nicht, Fahren lernen müssen Sie schon selbst.

Die Stützräder dafür bekommen Sie von mir und ich renne so lange neben Ihnen her, wie es nötig ist, damit Sie mir bald ohne Unfälle davonfahren

[1] Ich entgendere nach Phettberg. Meines Erachtens die momentan einfachste und lustigste Lösung, die alle mit einbezieht.


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